Unter Dir Die Stadt

Kalt, glatt und charakterlos: Der Regisseur Christoph Hochhäusler hat mit “Unter dir die Stadt” einen anteilnahmslosen Film über die Anzugträger in Frankfurts Bankenhochhäusern gedreht.

Einmal wird die Kamera zum Verräter. Da sitzt Roland Cordes, Banker des Jahres, mit der jungen Frau eines seiner Angestellten im Café, ihre Mienen sind steif wie die Servietten auf dem Tisch, ihre Gespräche unpersönlich und zurückhaltend wie die Kellner, noch nicht einmal über Musik können sie sich unterhalten; nie im Leben käme man auf die Idee, diese beiden Menschen könnten irgendeine Art von Anziehung füreinander empfinden, gäbe es nicht einen unvermittelten Close-Up. Sekunden nur.

Die junge Frau isst einen Keks. Lippen. Krümel. Plötzliche Nähe. Eine Kamera-Einstellung, die offenbart, was den unbewegten Gesichtern nicht anzusehen ist: Cordes wird eine Affäre mit der jungen Frau beginnen. Und weil er ein Mann ist, der Geldsummen wie Menschen so lange herumschiebt, bis er den maximalen Gewinn zu machen glaubt, wird er ihren Mann für einen Einsatz nach Indonesien schicken. Als Troubleshooter. Gold wert für die Karriere, und Gift für die Beziehung. Denn eigentlich war die Abmachung, dass das Paar zumindest für zwei Jahre zusammen in einer Stadt lebt.
Die meiste Zeit verweigert Christoph Hochhäuslers Film “Unter dir die Stadt” seinen Zuschauern diese Nähe zu den Figuren, wie er auch den Figuren jede Nähe zueinander verweigert. Fast schmerzhaft ist es, ihnen beim Scheitern zuzusehen. Cordes, der seiner Geliebten unbeholfen das Haus seiner Eltern zeigt, Sex in Kleidung und in Hotelzimmern, neue Sofas (“wie im Katalog”) für Wohnungen, die keine Sekunde lang wie ein Zuhause wirken, Frauen, die von ihren Freunden ohne Ironie als “High Potentials” sprechen.

Es ist eine unterkühlte, eine lieb- und leblose Welt. Eine, die sich in Frankfurts Bankentürmen abspielt, hinter den glatten Fassaden. Alle Gefühle, alle Liebe, alle Wut, alles Spontane, alles Menschliche – lässt einen dieser Film glauben – müsse so schwer sein, dass es nach unten sinkt, dass es sich als Bodensatz ablagert auf den Bürgersteigen und Straßen. Wer vor all dem flüchten will, muss unweigerlich nach oben, in die obersten Chefetagen der Bankentürme.

Im doppelten Sinne charakterlos

Die Kamera schaut nicht zu den Menschen dort oben hinauf, sie schaut auch nicht auf sie herab, sie schaut ihnen neugierig, aber verständnislos aus der Ferne zu. Der Film ist eine Finanz-Milieu-Studie, so anteilnahmslos wie der Bericht einer Unternehmensberatung.

Im vergangenen Sommer wurde er in Cannes gezeigt und danach gefeiert; in Deutschland wurde er bisher vor allem kritisiert: zu langweilig, zu unterkühlt, zu starr. Die Figuren sind gleich im doppelten Sinne charakterlos: Sie haben erstens keine Moral und zweitens nichts Eigenes, und es bleibt unklar, was gruseliger ist. “Woran würdest du mich erkennen?”, fragt Cordes einmal seine Ehefrau, und nicht einmal sie weiß eine Antwort.
Es ist nicht die einzige Frage, die offen bleibt: Warum schläft die junge Frau mit Cordes? Gefällt ihr die Macht? Will sie sich an ihrem Mann dafür rächen, dass er sie in Frankfurt allein lässt? Ist es Selbstzerstörung? Oder vielleicht – das ist die traurigste und wahrscheinlichste Option – ist alles gleichzeitig egal und möglich?

Der Film ist nie mitreißend. Und er kann auch keinen Spaß machen, weil Spaß in seiner Welt schlichtweg nicht existiert. Letztlich ist dieser Film wie ein Blick auf die Glasfassaden einer der Türme in Frankfurt: Manchmal glaubt man etwas zu erkennen, aber wahrscheinlich ist es doch nur die eigene Projektion auf den spiegelglatten Flächen.

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